Zurüruck zum Inhalt

… es träumen die Kinder, der alte Jude und der Kinderarzt - Eine kurze Skizze der Lebensbedingungen von so genannten einfachen Leuten in der Ukraine

Anfang der 90er Jahre, nach der Wende in Osteuropa und der Unabhängigkeit der Ukraine, in der Zeit der großen jüdischen Emigrationswelle. Ein alter Jude geht in ein Geschäft in Odessa und schaut sich einen Globus an. Nordamerika, dort ist der Ku - Klux - Klan, dahin kann er nicht. Der Nahe Osten - Diktaturen und Krieg. Europa - Antisemitismus. Verzweifelt fragt er den Verkäufer, ob er nicht noch einen anderen Globus habe.

Diese tragisch-komische Geschichte wird in der Ukraine heute oft erzählt, um zu verdeutlichen, wie ausweglos die Situation im Moment ist, wie wenig Hoffnung man noch hat. Beschreiben wir drei Situationen, die das Leben heute in der Ukraine verdeutlichen können.

Die Elektritschka von Simferopol nach Sewastopol ist morgens um halb acht zum Bersten gefüllt. Es herrscht geschäftiges Treiben im Zug. Zeitungen werden feilgeboten, warme Piroggen, mit Kartoffeln oder Kraut gefüllt, Wurst, frisch aus dem Rauch, die den Zug mit einem unvergleichlichen Duft erfüllt, durchmischt vom Geruch frischen Fisches.

Drei Kinder kommen in den Großraumwagen. Zuerst schauen sie schüchtern umher, dann werden sie selbstbewusster und stellen sich in Position. Es sind junge Musikanten. Ein Kind spielt Flöte, ein Mädchen Gitarre, ein kleiner Junge singt dazu ein ukrainisches Volkslied, über die Unterdrückung und den Hunger, das schwere Leben der Armen und den Stolz des Volkes. Den alten Frauen auf der Bank gegenüber mit den vom Wetter gegerbten Gesichtern und den von der Feldarbeit furchigen Händen schießen die Tränen in die Augen. Vielleicht erinnert sie das Lied an ihre Kindheit, ihre Jugend, das harte einfache Leben auf dem Dorf. Es schwingt aber auch Trauer darüber mit, dass die Kinder um eine Handvoll Münzen spielen müssen, die für einige Brote reichen, vielleicht eine Familie ernähren. Schule, Schulpflicht. An diese Wörter denkt hier niemand, wenn es darum geht, zu überleben.

Kehren wir zurück nach Odessa. Wer sich losreißt vom Bild der glücklichen Touristen in einer schönen Stadt, dem offenbart sich in den Nebenstrassen das Odessa der aus den Mülltonnen lebenden Menschen - die Tag und Nacht die Tonnen nach Verwertbarem durchwühlen, nach Pappe, leeren Flaschen, für die es noch ein paar Kopeken gibt, nach Essensresten. Und so kann es passieren, dass einem, nicht weit ab von der Deribasowskaja - der odessitischen Prachtstrasse - einer dieser Ausgestoßenen begegnet, Fischreste kauend, während ein Stück weiter die “neuen” Ukrainerinnen Armani-Handtaschen und goldene Armbänder spazieren tragen und keinen Blick für das Elend in nächster Nähe übrig haben. Das neue Leben, die neue Zeit, seit der Unabhängigkeit 1991, ist für einige Wenige besser geworden, für viele aber schlechter.

Da ist zum Beispiel der 43 Jahre alte Kinderarzt Andrej Semjonitsch, der in der städtischen Poliklinik arbeitet. Vor einigen Jahren, also vor der großen Krise 1998 in Russland, die auch zu einer massiven Entwertung der Grywnja, der ukrainischen Währung, führte, bekam er jeden Monat 200 Grywnja, damals etwa 200 Mark. Heute ist sein Lohn nur noch 80 DM wert. Und noch dazu hat er das letzte Mal im Juni sein Gehalt bekommen. Wie also leben? 1000 Grywnja, rechnet Andrej vor, braucht er zum Leben für sich und seine dreiköpfige Familie - auf die Frage, wie er das Geld zusammenbekommt, lächelt er. “Als Arzt kann man einiges nebenbei verdienen. Ohne Steuern bezahlen zu müssen”.

In der ukrainischen Ausgabe der russischen Zeitung “Argumentyj i Faktyj” ist im September die Umfrage der “Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine” veröffentlicht worden, wonach sich 54 Prozent der Ukrainer für arm, 13 Prozent sogar für noch unterhalb der Armut lebend halten. Im Jahr 1991 waren es nur 9 Prozent.

Der Winter ist da. Der Winter kommt in der Ukraine immer Mitte November.

Nein, Schnee sieht man in Odessa nicht, es sind noch fünf Grad. Man merkt es in den Wohnungen. Der Kinderarzt Andrej Semjonitsch merkt es zum ersten Mal am frühen Morgen. Die Zentralheizung, ohnehin nur eine Illusion von Wärme ausstrahlend, ist kalt. Seine beim Frühstück geäußerte Prognose, im Umland sei wohl Schnee gefallen in der Nacht, wird von den Nachrichten bestätigt. Nach dem Schneefall sind die meisten Bahnverbindungen nach Odessa zusammengebrochen. Andrej Semjonitsch merkt es auch in der Klinik. Ein Kollege, der in Kiew war, ist nicht da. Er kommt auch erst drei Tage später in Odessa an. Wenigstens hatten sie gute Unterhaltung im Zug. Eine Opernsängerin aus Odessa hat den Zug offenbar aufs beste unterhalten. Und die Prognosen treten weiter ein: Am ersten Tag nimmt das Ministerium für Energie das Atomkraftwerk Tschernobyl vom Netz. An den nächsten Tagen folgen weitere vier Atomkraftwerke. Abwechselnd wird jetzt in den einzelnen Teilen Odessas der Strom abgestellt. Mal trifft es den Stadtteil von Andrej Semjonitsch über Mittag für drei Stunden, dann am Abend, während die ukrainischen Hauptnachrichten laufen, für eine Stunde.

Stirnrunzelnd kommt er vom Markt. Durch die “Energiekrise”, so der offizielle Begriff für die Probleme, sind auch die Preise für viele Produkte gestiegen, so auch für Fleisch. Da das Gehalt auch wieder in diesem Monat ausgeblieben ist, wird es diese Woche wohl kein Fleisch geben. Stattdessen eingelegte Tomaten und Gurken aus dem Sommer.

Nach etwa einer Woche sind die Probleme annähernd behoben. Die Züge fahren wieder. Nur noch manchmal wird der Strom abgestellt.

Und so träumen die Kinder auf der Krim, der alte Jude und der Kinderarzt in Odessa davon, dass es besser wird. Vielleicht im nächsten Jahr…

Zuerst veröffentlicht 2001.

Einen Kommentar schreiben

Ihre Email wird NIE veröffentlicht oder weitergegeben. Benötigte Felder sind markiert *
*
*
  • martinsbarack.jpg
  • Archiv

  • Meta